Biete Talent – suche Sinn

Konzerne schicken ihren Führungsnachwuchs neuerdings zu Praktika und als Mentoren in Sozialunternehmen. Profitieren sollen davon beide Seiten.

Konzerne schicken ihren Führungsnachwuchs neuerdings zu Praktika und als Mentoren in Sozialunternehmen. Profitieren sollen davon beide Seiten.

Sozialunternehmer in Barcelona unterstützt, der Bluttests zur Frühdiagnose etwa bei Schwangeren in Entwicklungsländern anbietet. Was soll denn eine deutsche ITlerin bei so einer Firma in Spanien? Brandscheid konnte sich über den Vorschlag ihrer Vorgesetzten bei Boehringer Ingelheim zunächst nur wundern. Sie sprach ja nicht einmal Spanisch.

Nun ist die 32-Jährige zurück an ihrem Schreibtisch am Rhein und sie ist überzeugt: „Die sechs Monate waren ein Gewinn – für beide Seiten.“ Sie habe erst viel zugehört, sei dann „analytisch und lösungsorientiert“ vorgegangen. So half die Deutsche zum Beispiel, den Businessplan des Sozialunternehmers Jordi Marti zu überarbeiten. Sie machte Vorschläge, wie man seine Bluttests noch besser vermarkten und die nötigen Patientendaten elektronisch besser sortieren könne. Dafür bekam Brandscheid auch eine Menge zurück: „Ein wahnsinniges Glücksgefühl“ zum Beispiel, „wenn man etwas macht, was Leben retten kann“.

Gutes Tun als Managerfortbildung – dieses Modell hat Konjunktur. Immer mehr Wirtschaftsunternehmen suchen Partner im Sozialen. Ob Boehringer Ingelheim, SAP, Hilti oder der Spediteur Kühne & Nagel, sie alle entsenden Führungskräfte zu Weltverbesserern. Profitieren sollen davon beide Seiten. Die Mitarbeiter auf Zeit bringen einen professionellen Blick auf Marketing, IT oder Finanzen. Sie nehmen aber auch etwas mit zurück: Frische Ideen und das gute Gefühl, dass ihr eigener Arbeitgeber auch einen Sinn fürs Soziale hat.

Solch ein „gutes Gefühl“ wird immer wichtiger für die Zukunft ganzer Konzerne. Denn der Sinn fürs Soziale ist gefragt unter den Fachkräften von heute und morgen. Das zeigt die Erfahrung von Carola von Peinen, die nach neun Jahren bei einem klassischen Personaldienstleister Ende 2012 mit zwei Mitstreitern die Talents4Good GmbH gründete. Die internationale Non-Profit-Organisation zur Förderung von sozialem Unternehmertum, Ashoka, beteiligte sich mit 50 Prozent. Nun sucht von Peinen Personal für soziale Initiativen im Land. Ihre Mission: „Jeder Mensch sollte die Chance bekommen, mit einem für ihn sinnvollen Job sein Leben zu finanzieren.“

Und gleich bei den ersten Ausschreibungen für Arbeitgeber wie die BMW Stiftung, die SOS Kinderdörfer oder den Übersetzerdienst für Hörgeschädigte, Verbavoice, ist von Peinen überrascht: Von Fachkräftemangel keine Spur. Hunderte von hochqualifizierten Kandidaten melden sich. Binnen weniger Monate wächst ihre Datenbank auf knapp 2000 erfahrene Bewerber an. Vermitteln konnte sie bis heute davon allerdings erst 25. Anders als in fast allen anderen Branchen fehlt es im sozialen Sektor ganz offenbar nicht an geeigneten Kandidaten sondern an offenen Stellen. „Viele Menschen, ob am Anfang, in der Mitte oder am Ende ihrer Karriere, stellen sich die Sinnfrage“, sagt von Peinen. „Deshalb erleben wir auf Stellen, die Sinn bieten, einen echten Run.“ Konzerne dagegen müssen sich immer mehr um guten Nachwuchs bemühen. Da liegt es auf der Hand, auch in Sinnfragen zu investieren. Nicht umsonst erleben die Abteilungen für „Corporate Social Responsibility“ (CSR), zu deutsch unternehmerische Sozialverantwortung, einen großen Aufschwung.

Hier ist beim Software-Programmierer SAP auch ein spezielles Mentoren-Programm von Mitarbeitern für Sozialunternehmen angesiedelt. CSR-Chefin Gabriele Hartmann erklärt, wie das funktioniert: Im Jahr 2011 startete SAP eine Kooperation mit dem Social Impact Lab, einer Plattform die Sozialunternehmen unter anderem dabei hilft, Mentoren aus der Wirtschaft zu finden. 120 SAP-Mitarbeiter haben sich inzwischen als mögliche Ratgeber registrieren lassen. Rund 50 von ihnen sind aktuell im Einsatz.

Ihr offizieller Zeitaufwand dafür allerdings hält sich in Grenzen. Laut CSR-Richtlinien stellt SAP jedem Mitarbeiter acht Arbeitsstunden pro Jahr für soziale Projekte zur Verfügung. Oft werde von Vorgesetzten aber „wesentlich mehr“ während der Arbeitszeit geduldet, erklärt Hartmann. Hinzu komme natürlich die viele Freizeit, die Mitarbeiter in gute Projekte investierten.

Auch Boehringer Ingelheim streut das soziale Engagement bisher eher in homöopathischen Dosen ein. Im Jahr 2013 war Nicole Brandscheid eine von vier Top-Nachwuchskräften weltweit, die bei einem Sozialunternehmen hospitierten. „Da gibt es noch Luft nach oben“, räumt Manuela Pastore ein. Sie betreut für Boehringer die Initiative „Making More Health“, die sich gemeinsam mit Ashoka zum Ziel gesetzt hat, neue Methoden zur Verbesserung der weltweiten Gesundheitsversorgung zu finden. Sie würde das „Fellowship“ bei Sozialunternehmen künftig gern auch für das mittlere Management öffnen.

Ein interessanter Partner könnte dafür auch Carsten Rübsaamen sein. Er wurde mit seinem Unternehmen Bookbridge in der vergangenen Woche als neuer Schweizer Fellow in das Ashoka-Netzwerk aufgenommen. Bookbridge baut Lernzentren mit Bibliotheken und Kursangeboten in Entwicklungs- und Schwellenländern auf. In die Projektplanung bindet Rübsaamen Teams aus Berufseinsteigern und erfahrenen Managern der Schweiz mit ein. Er hat sich ein Programm mit fünf Modulen ausgedacht: Von der gemeinsamen virtuellen Projektplanung mit Partnern vor Ort bis hin zur Implementierung während einer achttägigen Reise. Mit Bookbridge sind in den vergangenen Jahren bereits Mitarbeiter des Werkzeugherstellers Hilti, der Spedition Kühne + Nagel oder des Uhrenkonzerns Swatch zu Projekten in die Mongolei oder nach Kambodscha gereist.

Manchen von ihnen ist es wohl ähnlich ergangen wie Nicole Brandscheid beim Sozialunternehmer Jordi Marti in Barcelona. „Es hat mich mitgerissen, mit jemandem zu arbeiten, der solch einen riesigen inneren Antrieb hat“, berichtet sie. Davon habe sie gelernt – im Großen wie im Kleinen. Wie einfach es etwa sein könne, Barrieren zu überschreiten und unkonventionelle Wege zu gehen, wenn man für eine Idee brenne. So ignorierte der spanische Sozialunternehmer klassische Konzern-Hierarchien, in denen sich Brandscheid bisher bewegte. Er schrieb Emails mit der Bitte um Zusammenarbeit nicht etwa an irgendwelche Unterabteilungen, sondern direkt an Konzernvorstände. Und er hatte damit manchmal sogar Erfolg.

Quelle: WeltN24 GmbH

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