In Ghana ist man nie zu spät

Auf Grund der Straßenverhältnisse und der Fahrweise mancher Taxifahrer kommt man ziemlich schnell zu spät zur Arbeit. Also ich habe immer das Gefühl zu spät zu kommen. Aber ich glaube in Ghana ist man nie zu spät. Spätestens wenn ich an meinem Fixpunkt dem “WHY-WORRY” Schild vorbeifahre

Good afternoon!

-“Obruni? Äte sän?”

-“Äjä!”

Das sind die wohl häufigsten Gespräche die ich am Tag führe. Und jedes Mal wenn ich “äjä” antworte gibt es ein freundliches lachen.

“Äte sän” (Lautschrift) bedeutet “Wie geht‘s dir?”

“Äjä” (Lautschrift) bedeutet gut.

Und dann kommt meistens: “Uo din de sän?”

Und ich dann: -“Hä?”

Naja… das dann gelacht wird, kann man sich ja gut vorstellen.

Die Sprache hier ist so unglaublich kompliziert.

Meistens weiß ich gar nicht ob die Leute hier wirklich mit mir sprechen oder ob sie mich veräppeln. Ich brauche auf jeden Fall mindestens zwei Tage bis ich ein neues Wort gelernt habe.

Am Anfang war es “meda uase” gesprochen “meedaasi”. Ich wollte die ganze Zeit aber “meduusa” sagen.. egal.

Zur Frage: “Uo din de sän?”

Sie bedeutet:”Wie heißt du?”

Und meine Antwort darauf ist: “Obruni. Kofi-Leo. Or just Leo.”

Meistens bin ich aber nur Obruni oder Kofi. Kofi werden die genannt die freitags geboren wurden. Die Frauen, die freitags geboren wurden, werden “Efwraa” gerufen.

Jeder Wochentag ist ein anderer Name. So kann es sein das wenn man in eine Gruppe “Kofi” ruft, sich 10 Leute umdrehen.

Mein Name, L E O, ist denen hier zu kompliziert. Wenn mich jemand Leo nennt klingt das wie Liio.

Und zu meinem letzten Blog Eintrag.. ich würde Behaupten das ich inzwischen 10 Namen kann. Aus meinem neuen Team kenne ich nur 3 Namen. Ein trauriges 1/10.

Wo wir gerade bei Fußball sind.

Ich glaube ich habe beim letzten Mal ein bisschen mit dem Höhenunterschied übertrieben.  Es sind maximal 2m. Vielleicht auch nur 1,80m. Es ist sehr schwierig das abzuschätzen weil es an den Seiten auch leicht abfällt. Bei meinem 1. Bericht, habe ich von meinen Aktivitäten hier in Ghana berichtet.

Heute möchte ich versuchen ein bisschen über meine Eindrücke und das Leben hier berichten.

Das wird nicht ganz  leicht weil es so viel zu berichten gibt. Und für mich als “exzellenten” Deutsch Schüler ist es noch schwieriger alles in einem vernünftigen einiger Maßen zusammenhängenden Text zu schreiben. Ich muss zugeben,  Englisch sprechen oder schreiben fällt mir inzwischen deutlich leichter.

Das Problem hier ist jedoch mein Wortschatz. Mir fehlt das eine oder andere englische Wort. Dennoch denke ich in einer Sprache, wo mir Wörter fehlen.

Wo fange ich am besten an? Ich glaube mit dem was ich alles gemacht habe und mit dem, was ich hier am häufigsten mache … Taxi fahren. Ghanas Straßen sind voller Taxis. Alte, kleine ehemalige europäische Autos. Es ziemlich lustig, wenn ein altes Lieferauto mit der Aufschrift “schnell und lecker” an dir vorbeifährt. Und es ist sehr beruhigend wenn der Fahrer dir das Benutzerhandbuch gibt und du siehst, dass die letzte Inspektion 2007 war.

Mein Weg geht von meinem Zuhause mit dem Taxi ins Zentrum.

Dort muss ich im ein anderes Taxi steigen, das mich nach Duakwa fährt. Alles in allem ein Weg von ca. 15 km. Aber auf Ghanas Straßen, kann man sich das wie folgt vorstellen: Man fährt 200-500 m auf einem guten Asphalt. Nach dieser Strecke kommt 200 m Schotter mit tausenden Schlaglöchern. Die Schlaglöcher sind ziemlich tief.  Meistens muss der Taxifahrer im ersten Gang durch das Schlaglöcherfeld fahren. Es gibt auch Leute die versuchen die Straße mit Erde zu flicken.. diese sind aber mehr damit beschäftigt, zu versuchen Geld von den vorbei fahrenden Autos zu bekommen, als die Straße zu reparieren.

Es gibt kein einziges Auto was nicht zerbeult ist.

(Ich versuche noch ein vernünftiges Foto zumachen.)  Das liegt wahrscheinlich an dem Fahrstil. Was sind Spiegel wenn man doch eine Hupe besitzt? Es wird immer gehupt. Wenn der Taxifahrer jemanden fragen möchte, ob man mit ihm fahren möchte. Wenn der Fahrer jemanden grüßt. Wenn er jemandem vorlässt oder jemanden überholt. Es wird immer gehupt.

Dort wo die meisten Autos ihren Scheibenwischer Hebel haben, haben die meisten Taxis ihre Hupen. Da wo normale Autos Anschnaller oder die Gurte haben. Haben die Autos hier nichts mehr. Außer der Fahrer.  Der Reflex sich anschnallen zu müssen ist schon längst weg. Komischerweise habe ich noch keinen Unfall gesehen. Wahrscheinlich wird bei einem Auffahrunfall nicht einmal angehalten.  Bis jetzt, toitoitoi, lief alles gut.

Die Taxifahrten haben hier feste Preise und Routen.  Wenn du also in ein Taxi steigst zahlst du den gleichen Preis wie die Leute die vor dir oder nach dir einsteigen. Aber nicht alle Routen kosten gleich viel Geld. Manchmal ist es gar nicht so leicht rauszufinden welches Taxi man nehmen muss. Aber auch das ist bis jetzt immer gut gegangen.

Es regnet in strömen.

Gerade wo ich schreibe regnet es, so wie es in Deutschland regnet.  1,5 Stunden war richtiger Sturm.  Dann ging es und jetzt regnet es kontinuierlich. Ich bin mal gespannt wie am Montag die Straßen aussehen.

In Ghana ist man nie zu spät

Auf Grund der Straßenverhältnisse und der Fahrweise mancher Taxifahrer kommt man ziemlich schnell zu spät zur Arbeit.  Also ich habe immer das Gefühl zu spät zu kommen. Aber ich glaube in Ghana ist man nie zu spät.  Spätestens wenn ich an meinem Fixpunkt dem “WHY-WORRY” Schild  (ein übermaltes Straßennamenschild) vorbei fahre, bin ich ganz relaxt und fahre gemütlich weiter. Es bringt auch gar nichts sich zu stressen. Heute zum Beispiel, war keiner von den Werkstatt Mitgliedern, mit denen ich am meistens zusammenarbeite,  da. Das heißt ich saß da und konnte nichts machen. Nur die Zeit verplempern lassen.

In der Zeit hab ich versucht 3 Ghanaer davon überzeugen nicht nach Deutschland zu kommen sondern in Ghana zu bleiben und sich hier etwas aufzubauen. Egal wo man hinkommt. Überall wird man gefragt, wo man herkommt. Und alle sagen, wie toll Deutschland ist. Und alle wollen nach Deutschland kommen. Und es ist echt schwierig die Leute davon zu überzeugen, das Deutschland gar nicht viel besser ist als Ghana.  Deutschland und Ghana sind genau das komplette Gegenteil. Ich hoffe es ist mir gelungen. Sie haben einfach ein komplett falsches Bild von Deutschland.

Aber das ist auch verständlich. Ich, als nicht reicher Deutsche, komme nach Ghana und ich kann mir einfach alles leisten.  1€ sind 5 ghc (ghana cedis). Aber die Preise sind wie in Deutschland. 1 Cola kostet hier 2 ghc und im Deutschland 2 €. Was hier 10 ghc. entspräche. Es ist wirklich krass. Und mit dem Geld muss man hier auch echt aufpassen. Es gibt viele Leute, die mich Tag täglich ansprechen und was mit mir unternehmen wollen und das nur weil ich ein Weißer bin und sie einladen könnte. Alle wollen meine Handynummer haben. Und so ist es echt schwierig hier mit den richtigen Leuten abzuhängen. Ich will gar nicht allen unterstellen nur wegen dem Geld nett zu mir zu sein, aber oftmals weißt du das vorher nicht.

Insgesamt ist es komisch allein unter schwarzen zu sein

Ich selber nehme gar nicht wahr, das ich eine andere Hautfarbe habe als die anderen.  Aber jedes mal, wenn ich durch die Gassen hier gehe wird „Obruni… Obruni!!!“ Gerufen.  „Obruni… what is your name.“ „Obruni… give me money.“ Es ist wirklich witzig.  Weil die Kinder sich echt freuen, wenn man ihnen nur zu winkt oder einfach den Kopf tätschelt. Insgesamt sieht man echt wenige bis gar keine Obrunis in Agona Swedru.

Durch Ernest hab ich Kontakt zu Barry.  Er kommt aus Amsterdam und wir haben uns 2 mal gesehen. Einmal waren wir am Strand. Und das andere mal auf dem Festival was in Agona Swedru war. Jede Stadt hat ein einwöchiges Festival.  Mit Partys, Umzügen,  Veranstaltungen, Konzerten, etc.

Wir waren samstags auf dem Festival

Dort war ein Umzug durch die gesamte Stadt. Alles war voll Menschen, die zur Musik tanzen, singen oder einfach nur gute Laune haben. Die Hauptattraktion sind die “Chiefs der Stadt”. (Um ehrlich zu sein, ich hab keine Ahnung, ob das wahr ist was ich erzähle). Auf jeden Fall werden die “Chiefs” in kleinen Booten durch die Stadt getragen. Ein Boot mit “Chief” wird von 4 Männern transportiert. Sie tragen das Boot auf dem Kopf. Ich habe diese Männer nicht eine Sekunde beneidet. In der Tanzgarde hatte ich eine echt leichte Tanzpartnerin. Aber mit der Zeit wird auch eine leichte Tanzpartnerin schwer.  Diese 4 Männer mussten aber eine sehr gut beleibte Person über 3 km, auf und ab versteht sich, transportieren.  Und dabei noch irgendwelche Drehungen machen. Ich glaube ein  Boot hatte einen der die anderen mal ablöst. Der Zug ging nur schleppend voran, weil alles voller Menschen war. Es war auf jeden Fall ein unbeschreibliches Erlebnis.  Und so friedlich.  Ich habe nicht eine Polizei Streife gesehen. Ich wüsste auch nicht wozu sie nötig gewesen wäre.  Auf dem gesamten Zug war Barry, der einzige Obruni den ich gesehen habe.

Die Miss Akwambo Wahl

Am Abend hab ich Ernest und seine Frau zu einer Veranstaltung eingeladen.  Die Miss Akwambo Wahl.  Und auch hier ging mir die Ghana Uhr auf den Zeiger.  Ich hatte mit dem Kartenverkäufer ausgemacht, das wir uns um 18:30 Uhr treffen würden. Um 19:50 kamen wir endlich an. Das Programm sollte eigentlich schon längst gestartet sein. Da gefühlt aber keine Zuschauer da waren wurde bis 22 Uhr gewartet. Dann ging es los. Mit verschiedene Kleidungsstücken, einer eignen Performance (Schauspiel,  Gesang,  Tanz o.a.) und Fragen über die Historie von Agona Swedru mussten sich die Damen gegen 8 Kontrahentinnen durchsetzen. Am Ende gewann meine Favoritin.

Zwischen durch gab es viele Musikeinlagen von verschiedenen ghanaischen Künstlern. Was am meisten hängen geblieben ist, ist das Lied “one corner-patapa”.  Der favourite Song von allen hier. Sobald das Lied gespielt wird rasten alle aus rennen nach vorne suchen sich irgendeine ecke. Und zucken mit dem ganzen Körper.  Ich erläutere das hier mal nicht weiter…

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Ich bin ab Minute 3:24 zu sehen!

Ein weiteres Erlebnis von dem Abend, was mir hängen geblieben ist, ein Musiker der Geldscheine von der Bühne geschmissen hat. Die Blicke, wie er es genossen hat, als er die Geldscheine in die Menge geworfen hat und gesehen hat, wie sich die 20 Menschen um die paar cedis geprügelt haben, war einfach nur widerlich.

Eine kleine Mahlzeit pro Tag ist hier für viele nicht selbstverständlich

2 cedis bedeutet für Mancheinen hier, das sie wenigstens eine kleine Mahlzeit für den Tag haben. Und das ist hier für viele nicht selbst verständlich. Jedes mal, wenn ich hier Essen bekomme, sind viele Kinder um mich rum. Und ich weiß noch bei einem meiner ersten Mahlzeiten stand ein kleines 2 jähriges Mädchen in Lumpen vor mir. Und es starte mit seinem großen braunen Augen auf mein Essen.  Man konnte dem Hunger quasi in den Augen lesen. Und infront of dieser Augen musste ich dann essen. Es war bestimmt einer der härtesten Mahlzeiten, die ich im meinem Leben hatte.

Ich hatte selber riesen Hunger und dann stand da dieses kleine Mädchen vor mir. Was aber das imposanteste war. Die Augen von den Kindern schauen niemals neidisch. Hungrig aber nicht neidisch auf das was sie nicht haben können. Diese Akzeptanz hab ich noch nie so sehr gesehen wie hier. In Deutschland, ich kenne es von mir selber. Wir sehen immer nur das was die anderen haben. Und das was die anderen haben ist immer besser.  Hier wird das was man hat genossen.

Persönliches und interkulturelles Training

Bevor ich nach Ghana ging hatte ich zwei mehrstündige Treffen mit den Coaches Ruth Mattes und Hannah Lambeck. Der Sinn dieser Treffen war es, mich persönlich auf den Einsatz in einer anderen Kultur vorzubereiten. Was mich erwarten könnte, wie ich mich auf mich selber verlassen kann und wie ich persönlich mit Situationen umgehen kann, die anders sind. Denn in gewisser Weise bin ich hier ganz auf mich selber gestellt.  Ich muss psychisch mit den Situationen, die ich nie in meinem Leben gehabt habe, fertig werden.

Diese beiden Treffen waren unglaublich gut, weil ich dadurch auch sehr viel über mich und die neu kommende Situation nachdenken konnte. Aber keines dieser Trainings kann einen darauf vorbereiten, was man wirklich erleben wird. Es gibt einem nur eine Art Rüstzeug einen Werkzeugkoffer. Jeder Mensch geht mit dem Situationen anders um. Doch jeder,  der sich in eine solche Situation oder neue Lebenslage begibt sollte wissen auf was er sich, an sich selber, verlassen kann. Sprich was seine eigenen Ressourcen sind. Und deswegen würde ich jedem der plant länger ins Ausland zu gehen dieses vorbereitende Coaching empfehlen.

Die Schlangen sollen rauskommen

Hier regnet es leider immer noch. 8:30pm. Und es regnet und regnet.  Die Schlangen sollen raus kommen sobald es regnet wurde mir erzählt… und ich muss noch duschen und durchs Nasse Dunkle laufen. Ich hasse Schlangen!!  Augen zu und durch. Morgen früh geht’s nach Cape Coast. Ich bin mal gespannt. Alle Leute schwärmen von Cape Coast.

Lasst es euch gut gehen.

Kleine bitte von mir… trinkt bitte ein kaltes deutsches Bier für mich. Das lokale Bier ist einfach furchtbar!

Euer Leo

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4 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

  • lieber leo,
    dass mit dem kaltem bier ist überhaupt kein problem. Ich habe nämlich gerade ein solches in der hand und lese mit spannung deinen tollen bericht. Also prost und viel glück mit den schlangen….lautes stampfen mit den Füßen vetreibt sie (weiß ich aus eigener erfahrung). Ich wünsche dir weter eine tolle zeit.
    liebe grüße
    Gunther

    Antworten
  • Gudrun Fähndrich
    29. August 2017 8:50

    Lieber Leo, wir lesen mit großem Interesse und viel Freude Deine Berichte. Du schreibst so anschaulich, dass man sich Dein Leben dort gut vorstellen kann. Toll, wie schnell Du Dich eingefunden hast. Ganz herzliche Grüße von Gudrun & Ovidio

    Antworten
  • Hi Leo, danke für deinen langen, emotionalen und interessanten Bericht über dich, die Menschen und das was du erlebst und dich bewegt. Es hört sich alles sehr spannend und aufregend an. Ich weiß, dass wir dich auf das, was du erlebst nicht vollständig vorbereiten konnten – das geht einfach nicht. Wovon ich überzeugt bin, ist dass du DEINEN Weg gehst und das ist wunderbar. Fühl dich herzlich gedrückt und ich freue mich schon auf weitere Ausführungen und Bilder deiner Erlebnisse. Herzliche Grüße Ruth

    Antworten
  • Mama Johanna
    27. August 2017 18:26

    Lieber Leo , weil du an einem Freitag geboren wurdest, kann man dich bedenkenlos Kofi nennen!!!
    LG Mama

    Antworten

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